Sammlung

// Performare una collezione:  Fakten sind kontingent (und zwar notwendig)

Broodthaers / La robe de Maria / the Daled collection
Broodthaers / La robe de Maria / the Daled collection

Beim Nachdenken über die Möglichkeiten, Performancekunst zu sammeln, ist es wichtig zu akzeptieren, dass die Performance sich nur im Moment der Handlung manifestiert. In keiner Weise beschäftigt die Sammlung MdR sich mit dokumentarischen Rest-Objekten oder Bildaufnahmen, die auf einen Live-Event zurückführen sollen. Wir sammeln also weder die einzelne Performance noch das Museumsobjekt, sondern die räumliche Manifestation, in der die diversen Elemente, in Komplizenschaft zusammen kommen. Diese räumliche Manifestation ist selbstverständlich nicht leicht mit-zu-nehmen oder an-zu-fassen. Die Struktur der Sammlung MdR baut auf genau diese Qualität und ist so konzipiert, dass sie immer innerhalb einer existierenden Ausstellung oder eines bereits geplanten musealen Angebots präsentiert wird. Um zielgemäß funktionieren zu können, wird die sukzessiv mit jeder Performance wachsende Sammlung nie einen eigenen Ort ertragen und dementsprechend immer abhängig bleiben von Partnerinstitutionen.

Es scheint also fast paradox, das performative, gemeinsame Erleben der Performance als Materialität erfassen zu wollen. Daher konzentriert sich die Sammlung MdR darauf, über das Benutzen, Weiterentwickeln, Verwerfen und Verwerten von Performances mit Partnern aus diversen Museen eine Komplizenschaft aus Zeugen, Sammlern und Künstlern zu formieren.

Das Sammeln von Performancekunst ist aus unterschiedlichen Gründen ein sehr komplexes Anliegen. Da hilft es schon mal, die Performance nicht als Kunstsparte sondern als kulturelles Phänomen zu verstehen. Die mentalen und physischen Aspekte von Aktionen lassen sich kaum audio-visuell aufzeichnen, werden aber mit Gesten, Verhaltensweisen und mit jeder Performance wieder aktualisiert. Hier berühren sich die Ansätze zur Vermittlung ephemerer Kunst mit ethischen und kulturellen Fragestellungen. Zurzeit stehen wir ganz am Anfang einer großen Aufgabe, die wir uns als Verein selber gestellt haben, ohne dafür alle Kenntnisse und Ressourcen zu besitzen. Wir haben uns die Aufgabe, uns mit dem Sammelbegriff zu beschäftigen, gestellt, weil sie für die gegenwärtige Performancekunst absolut notwendig ist und es keine Institution im deutschsprachigen Raum gibt, die sich dem Sammeln und Archivieren der Performancekunst widmet.

Die Sammlung MdR stellt für jede Präsentation eine neue Zusammenarbeit her, bei der Künstler in Berliner Museen eine Performance erarbeiten, die sich direkt mit der örtlichen Sammlung auseinandersetzt. Mit dem Ziel, einen verbindlichen und lebendigen Zusammenhang – Künstler die Zugriff auf die Sammlung der Museumspartnern nehmen – zu entwickeln, wird das Museum zugleich Subjekt und Objekt einer Intervention. Der konzeptuellen Grundrichtung dieser Sammlung steht die konkrete Arbeit an ihrer “publicness” gegenüber. Die Gesamtorganisation (mit Interviews, Skizzen, Kommunikation, persönlichen Einladungen, Erfassen des Publikums, Dokumentation, Grafik, Produktion etc.) entsteht mittels Reflexion und Erfahrungsaustausch in einer gemeinschaftlichen Praxis künstlerischen Untersuchens, der wir uns in der Sammlung MdR zuwenden wollen. Es geht also nicht so sehr um das Generieren von neuem Wissen an sich sondern vielmehr um das Editieren und Neuverwenden von vorhandenen Erfahrungen –  ein Prozess der Änderung und Neuerung durch Wiederholung.

Was Performancekunst als kulturelles Phänomen einzigartig macht ist der Moment der Produktion. Dieser Moment ist ein räumliches sowie zeitliches Ereignis, das immer öffentlich ist und deshalb von allen Komplizen (Publikum – Zeuge, Künstler und Kurator) gleichermaßen zu verhandeln ist. Das Schöne an Performancekunst ist, dass sie nicht existiert, wenn sie nicht verwendet wird. Andererseits haben alle Objekte, die es gibt, eine mehr oder weniger feste Bedeutung – wir klassifizieren sie in Bezug auf das, für was wir sie verwenden. Die konventionelle Interpretation von Museumsobjekten kann in Frage gestellt werden, indem sie in einem künstlerischen Raum installiert werden. Sowohl das Objekt als auch der Künstler, die Institution und das Publikum treten in einen Dialog, um die Gesamtsituation durch geistige und körperliche Verknüpfungen zu ändern. Die Idee der Sammlung MdR ist es, ein Umfeld für Experimente zu schaffen, in dem jede Komponente ihre sogenannte Normalität in Verhandlung mit den restlichen Anwesenden aufgibt. Am Ende ist die Frage nicht so sehr: “Was ist das Objekt?”, sondern: “Was macht es uns fühlen und denken?”. Das Wort “Objekt” bedeutet hier jede Art einer materiellen oder ideellen Ansammlung von Dingen, Gedanken, Subjekten und Handlungen.

Sammeln verstehen wir also als Verarbeitung und Bereitstellung von Ressourcen für performative Praxen, die veröffentlicht werden. Dementsprechend besteht die Sammlung MdR aus all jenen Performances, die wir erlebt oder über die wir jemals gelesen oder gehört haben. Entscheidend für die Sammlung ist ihre Präsentation als der Moment, in dem sie in der Öffentlichkeit erscheint und einen Transformationsprozess initiiert.