Tatort

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(the witness of others)

7.000 Museen = (Museen sind Massenmedien) = Freiräume, in denen das Denken sich verändern kann.

// Wichtiger ist heute, dass das Museum zu ei-
nem Ort wird, an dem man einen mündigen Umgang
mit dem Affekt erlernt (a conversation between two people who speak a different language).

 

Denken am Tatort (mit Daniel Tyradellis)

1.

Kultur ist keine Einbahnstraße und auch kein Weg in immer höhere Gefilde. Es gilt, die Fähigkeit zu beförderen, Sichtweisen, die nicht den eigenen Kriterien folgen, wahrzunehmen und dadurch ein Verständnis im umfassenderen Sinne zu erzeugen. Jede Museumssammlung kann Grundlage und Baustein eines experimentellen Forschens über das sein, was Geschichte, Kunst und Bildung heute bedeuten. Die Reise zu einem Museum wird dann nicht bloß eine Reise zu einigen herausragenden Objekten, sondern auch zu unterschiedlichen Arten, mit Dingen im Raum zu Denken. Interventionen öffnen so den ungeheuren Wissensschatz, den die Museen bergen.

 

2.

Ein Anfang ist es, zunächst, jede Objektgattung einer Museumssammlung als gleichwertig mit allen anderen anzusehen. Im musealen Raum ist jedes Ding und jede Präsentation ein Medium. Dem Nachdenken über und dem Recherchieren von geeigneten Exponaten für eine Performancekunst Intervention sollten daher keine Grenzen gesetzt sein. Nachdenken ist hier nicht Wiederholung eines bereits bekannten Zusammenhangs oder Nachvollzug von entdeckten Kausalitäten. Es ist gerade das Gegenteil von Normativität, sofern man diese begreift als Abkömmling einer präexistenten Ordnung und eines Wissensbestands, den es im Museum generell zu vermitteln gilt. Denken in und mit Performancekunst ist deshalb wesentlich ein »Noch-nicht-Denken«: man macht oder erlebt etwas, das man nicht einordnen kann. In dieser Bewegung besteht Denken. Entscheidend ist, ob man der Frage erlaubt, zu wirken, oder ob man den kürzesten Weg zu ihrer Stillstellung in Gestalt einer vordefinierten Antwort sucht. »Kunst wird erst dann interessant, wenn wir vor etwas stehen, das wir nicht restlos erklären können« wie es Schlingensief so schön formuliert hat.

 

3.

Wenn unsere Gesellschaft nach und nach alles und jedes einer Normierung, d.h. vor allem Ökonomisierung und Juridisierung des Denkens unterordnet, muss das Museum ein Ort des Widerstands sein. Der museale Raum soll irritieren, weil er zu den wenigen gesellschaftlichen Räumen zählt, in denen Fragen und Konstellationen verhandelt werden könnten, die anderswo keine Beachtung finden. So wäre der museale Raum weniger als sakraler Kirchenraum, sondern nach dem Vorbild von Laborräumen zu begreifen. Die museale Performancekunst Intervention, die sich in eine bestehende Ausstellung einnistet, stellt so ein Labor für Experimentalanordnungen dar und kann Impulse geben für die Umgestaltung von Dauerausstellungen und die prinzipielle Möglichkeit, die Dinge auch einmal anders anzugehen.

 

4.

Streng genommen gilt für jede Sammlung, dass ihre Einzelelemente nur im wechselseitigen Verweis Bedeutung erlangen. Die Artefakte selbst tragen keinen Sinn in sich. Sie verweisen auf Inhalte, auf die sie sich beziehen – ad infinitum. Es ist sogar »zu berücksichtigen«, schrieb Georges Bataille bereits 1929, »dass Gegenstände in einem Museum nicht mehr sind als ein Gefäß: den Inhalt bilden die Besucher«. Aus eben diesem Grund kann oder könnte man Performancekunst Interventionen auch als Verführungen betrachten, die den Besucher dazu ermutigen sollen, sich auf das im musealen Raum zu Erfahrende überhaupt einzulassen.